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Angepeilt ist Mai 2017, bis dahin soll in Neckarsteinach und Hirschhorn Internet über Glasfaser bis zu einer Geschwindigkeit von 50 MBit pro Sekunde verfügbar sein. Die Ausschreibung für die Breitbandversorgung wurde von der Deutschen Telekom gewonnen, die Kosten für die Investition liegen bei knapp einer Million Euro in Neckarsteinach, rund die Hälfte dieser Kosten übernimmt das Land Hessen.

Erfahrungsgemäß verlief der Ausbau der Netzkapazitäten in den vergangen Jahren schleppend, sodass in den peripheren Gebieten das Glück oder die Gnade der Telekom von Hausnummer zu Hausnummer darüber entschied, wer im Schneckentempo vor sich hinsurfte oder immerhin in den Genuss der theoretisch maximalen Geschwindigkeit eines 16 MBit Vertrages kam.

Wenn seitens der Bürgermeister Freude darüber geäußert wird, dass der Wert der Grundstücke steigen werde, dann ist das für die betroffenen Grundstückseigentümer nicht unbedingt ein reiner Grund zur Freude. Zeigte sich doch erst kürzlich mit der - freundlich formuliert - außergewöhnlichen Anhebung der Grundsteuer auf sagenhafte 700 Prozent, dass die Stadt Neckarsteinach bereit ist, die Bürger bis an oder über die Schmerzgrenze hinaus finanziell zu belasten. Das Argument "dafür ist der Wert Grundstücke gestiegen" kommt zur nächsten Erhöhung dann zur rechten Zeit...

[Edit 7.8.2010: Mittlerweile ist das Problem praktisch gelöst. Die Telekom richtet es zwar nicht aber die Stadtwerke legen auf Wunsch Glasfaser bis ans Haus heran, flottes Internet und Festnetz-Telefonie werden also auch "Im Bieth" Realität.]

Über Heidelberg lacht derzeit nicht nur die Sonne, sondern auch die ganze Republik - zumindest, wenn sie von den Segnungen der moderenen Telekommunikation überzeugt ist. Dass es in Deutschland über Jahrzehnte nicht gelungen ist, eine vernünftige Breitbandinfrastruktur im ganzen Lande aufzubauen - geschenkt. Eine unlösbare Aufgabe für die gesammelte Laien-Politikerschar über Jahrzehnte. Trotzt allen Gefasels über Förderung der Lebensverhältnisse und der Wirtschaft im ländlichen Raum. "Ländlicher Raum" beginnt internettechnisch übrigens oft schon nach weniger als 20 km über den Ortskern des beschaulichen Provinzstädtchens Heidelberg hinaus. In Neckarsteinach (16,5 km) darf man beispielsweise froh sein, mit DSL 3000 im Zwischennetz zu surfen und daran hat sich schon seit Jahren nichts getan. Noch froher kann man sein, nicht in einem Seitental des Neckars fast internetfrei dahin vegetieren zu müssen.

Vielleicht ist es eine Geste des "Hey, ihr seid nicht allein", wenn nun im Heidelberger Stadtteil Kirchheim im Neubaugebiet „Im Bieth“ gleich komplett auf Leitungen für Internet und Telefon verzichtet wurde. Ohne Handy geht an diesem kommunikationsverlassenen Orte derzeit nichts.

Kommunikationsprobleme, Wirtschaftlichkeitsüberlegungen, fröhliches Vor-sich-hin-bauen und Gräben zuschütten, bevor Telefonleitungen verlegt wurden - das ist der Stoff, aus dem die Träume Heidelbergs sind, in Konkurrenz zu Schilda auf Augenhöhe zu stehen. Oberirdische Masten könnten jetzt mit dem noch geringsten Kostenaufwand nachträglich die Leitungen zu den Häusern bringen – solch archaische Zeugnisse veralteter Technik mag die Stadt aber nicht auf ihren Straßen sehen. Stattdessen könnten Straßen und Wege mit Millionenaufwand aufgerissen und nachträglich mit den entsprechenden Kabeln bestückt werden. Leerrohre, durch die man die Kabel nachträglich ziehen könnte existieren zwar in den Hauptsträngen aber zu den einzelnen Grundstücken nicht.

Vielleicht sollte man die Narretei offensiv vermarkten und aus dem "Bug" ein "Feature" machen. Richtig verkaufen muss man dieses Gebiet: "Eine Oase der Ruhe in der Wüste des allgegenwärtigen Kommunikationsdrucks", "Trommeln statt Telefon". Es könnte zwar für die zukünftigen Bewohner etwas lästig werden, sich zur Abgabe ihrer elektronischen Steuerereklärung ins nächstgelegene Internetcafé begeben müssen aber diese ansonsten himmlische Ruhe wöge die kleine Unbequemlichkeit wohl auf.

Ideal geeignet wäre das Areal auch für die Ansiedlung einer archaischen Sekte. Vielleicht will der Oberbürgermeister nach dem mittlerweile beschlossenen Komplettabzug der US Army andere amerikanische Mitbürger nach Heidelberg locken. Ein Stadtteil für Amish, mit Infrastruktur aus dem 19. Jahrhundert – wenn das nicht ein unschlagbarer Standortvorteil ist…