Neckarsteinach – Bürgerversammung zum Bebauungsplan Galgenhohl 12.10.2011



Neckarsteinach Streuobstwiese Galgenhohl / Vergrößern: Bild anklicken

Man fragt sich schon, welchen Nutzen die Bürgerversammlung zum Thema „Bebauungsplan Galgenhohl“ am 12.10.2011 hat, außer dass mehr oder weniger fest stehende Fakten dargestellt werden und vom Stadtverordnetenvorsitzenden im Laufe der Sitzung gern erwähnt wird, dass die Bürger ja schon im Vorfeld genug Gelegenheit gehabt hätten sich einzubringen und nun eben diese Fläche im Bereich „Galgenhohl“ zur Bebauung ausgewiesen wurde. Punkt. 

Bis Anfang November können sich die Bürger zwar noch äußern, was - zumindest bezüglich kritischer Einwände - wenig Änderungen am geplanten Bauvorhaben bringen dürfte. Schließlich ist der Plan mit satter Mehrheit inklusive der Stimmen der SPD - die sich damit als die Betonpartei darstellt, die sie eben ist - im Gemeinderat durchgewinkt worden und allein die Grünen (auf kommunaler Ebene dann doch gelegentlich sympathisch…) stemmten sich vergeblich dagegen.

In dieser Phase ist die Bürgerversammlung eher (nur) noch eine Pseudobeteiligung der Bürger. Die dürfen sich in dieser Veranstaltung informieren lassen und, immerhin: bis Anfang November dürfen Sie noch „Anregungen“ vorbringen (O-Ton auf der Website des Planungsbüros Grosser-Seeger) und danach liegen die folgenden Entscheidungen wieder bei der Stadtverordnetenversammlung. Mehrheitsverhältnisse siehe oben...

Zur Veranstaltung 

Zu Beginn stellt ein Mitarbeiter des Planungsbüros Grosser-Seeger den Vorentwurf zum Bebauungsplan vor. Es handelt sich um eine Darstellung der betroffenen Fläche und einer schematischen Darstellung der geplanten Bebauung. Im weiteren geht es um die historische Entwicklung der Planung, wobei *sehr* ausführlich die Reduktion der ursprünglichen Fläche von rund 11 ha (Anfang der 1980er Jahre) auf jetzt 0,7 ha dargestellt wurde, Motto: Schaut her, wie klein ist dieses jetzt geplante Baugebiet im Vergleich zu dem, wie es hätte kommen können. Man bemerkt die Intention und ist ob der Plumpheit des Versuchs verstimmt. 

Die ökologische Bedeutung des Areals wird recht ausführlich anhand verschiedener Untersuchungen von Fauna und Flora dargestellt (Motto: alles nicht so besonders außer der Äskulapnatter) und die gesetzlich vorgeschriebenen Ausgleichsflächen aufgezeigt (im Wald werden ein paar Fichten abgeholzt, der Bereich „renaturiert“ und für die Äskulapnattern werden in ihrem etwas kleinerem Lebensraum schicke Sonnenbadplätze angelegt). Alle geplanten Baumaßnahmen werden ökologisch verträglich gestaltet (Gartenhäuschen wird im Winter abgerissen, statt zugiger Baumhöhlen stehen den Vögeln in Zukunft schicke „Kunsthöhlen“ zur Verfügung - Neubaugebiet eben).

Auf die Frage aus dem Plenum, welcher Bedarf an Neubauten denn tatsächlich bestehe werden keine harten Fakten genannt aber einen Bedarf gebe es schon. Der Einwand, dass sich im Stadtgebiet sowohl freie Flächen als auch ausreichend leer stehende Häuser finden lassen die den (vermeintlichen!) Bedarf an Wohnraum decken könnten, wurde mit der Argumentation gekontert, dass diese eben in Privathand seien und die Stadt keinen Einfluss auf die Herausgabe derselben habe. Auf den von einer der anwesenden Grundstücksbesitzerinnen des geplanten Neubaugebietes vorgebrachten Einwand, dass die Situation im geplanten Neubaugebiet doch exakt die Gleiche sei, gab es außer der Entgegnung, man könne ja „nicht nichts tun“ (sinngemäß) keine Antwort. Vielleicht ist das schlicht ein etwas unflexibles Denken, auf jeden Fall das typische Wachstumsdenken dessen Auswirkungen nicht nur im Kleinen sondern derzeit auch im Großen zu sehen sind. Siedlungen an den Rändern ausfranzen zu lassen, zu Lasten der Landschaft und der Umwelt, das ist eine gestrige Strategie.

Viele Fragen und Themen bleiben aus meiner Sicht offen

  • Auf praktische Themen wurde mit dem Argument „darum wird sich auf jeden Fall gekümmert, wenn es so weit ist“ reagiert. Beispielsweise auf die Frage nach einer möglichen Belastung der ohnehin überlasteten Kanalisation in der Friedrich-Ebert-Straße oder zum Thema der steilen Zufahrt zum Neubaugebiet - wo ist eigentlich der Platz für die Autos im Winter, wenn diese unten stehen bleiben müssen? Man mag glauben, dass sich um solche und andere Detailfragen adäquat gekümmert wird oder nicht, sicher ist, dass von denen die jetzt entsprechende Versprechungen machen die wenigstens später noch in Amt und Würden sein werden...
     
  • Die ökologische Bedeutung des Gebietes wird nach Kräften herunter gespielt. Die Vogelpopulation ist ja fast schon sträflich „gewöhnlich“ - wo seid ihr wertvollen Vogelarten? Schreit ja fast nach Bebauung... Natürlich ganz vorsichtig außerhalb der Brutphase. Einzig allein am Fakt „Äskulapnatter“ kommt man nicht recht vorbei. Die gibt es außer in Neckarsteinach zwar nur an drei (!) weiteren Standorten in Deutschland aber die Population scheint sich - laut Planungsbüro - ohnehin auszweiten und außerdem: auch für die wird gesorgt mit neu gebauten Sonnenflächen und mit einem Ausgleichsgebiet Richtung Neckar. Sie werden sich in ihrem neuen Ausgleichsflächenheim schon wohlfühlen… 
     
  • Die Überbetonung der „nur“ 0,7 ha Bebauung verschleiert nur, dass spätestens wenn diese Fläche tatsächlich (?) irgendwann komplett bebaut sein wird, die Schneise geschlagen ist. Mit der Verschwendung des ersten Bereichs wird der Rest der Fläche automatisch weniger ökologisch wertvoll und dann sind die nächsten 5 ha zügigst dem Flächenhunger preisgegeben (Flächenverbrauch in Deutschland derzeit 75 ha pro Tag, letzter erfasster Stand 2009).
     
  • Eine tatsächlich mit harten Fakten unterfütterte, aktuelle Studie mit einem konkreten Bedarf für dieses Neubaugebiet ist mir nicht bekannt. Eine etwas ältere Studie hat seinerzeit die 5,5 ha Variante gestoppt, weil ein entsprechender Bedarf eben nicht absehbar war. Wer glaubt eigentlich, dass sich in diesen Zeiten daran *irgend etwas* geändert hat? Hat sich die demographische Entwicklung über Nacht geändert? Tatsächlich entsteht der Eindruck, als ob man eben mit einem Standardaktionismus versucht „2oo Neubürger“, ein Teil davon Steuerzahler, in den Ort zu locken. Irgendetwas muss man eben tun - und wenn es nur das x-te Standard Neubaugebiet ist, wie es in allen möglichen Nachbargemeinden, bei dort schon mäßiger Nachfrage entwickelt wird - egal, hat man doch schon immer so gemacht.
     
  • Die Überlegung, dass die Stadt Neckarsteinach durch andere Maßnahmen attraktiver gestaltet werden könnte, als durch die Verschandelung eines sowohl ökologisch wertvollen als auch einfach die Landschaft optisch belebenden Bereiches der Stadt, diese Überlegung scheint der Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung fremd zu sein. Sie sollten gelegentlich nach Kleingemünd fahren und sich vielleicht erinnern, wie es dort gleich nach der Kurve aussah, bevor man den dritten Supermarkt in Reihe und noch einen Drogeriemarkt dort hin pflanzte - also eher Pflanzen weg und Beton hin… Immerhin ist der Kreisel dort begrünt - das müssen wir Neckarsteinacher dann erst einmal schaffen.

(fs)

Ein vorheriger Artikel hier im Blog zum Thema

Die PDF Dateien des Büros Seeger-Grosser finden Sie auf dieser Website

2 Gedanken zu „Neckarsteinach – Bürgerversammung zum Bebauungsplan Galgenhohl 12.10.2011

  1. Erwin Binder

    Das ist ja supergut geschrieben und trifft den Nagel auf den Kopf. Immer weiterbauen, immer weiter, immer so wie immer.
    Wie graben Ihrer Zukunft ein Zuhause.

    Erwin Binder

  2. Ralf K

    Hallo Frank,
    als oberstes „Sackgesicht“ der „Umfallerpartei“  SPD möchte ich mich auf Deinem Blog zu Wort melden um, wie sollte es anders auch sein, für mehr Verständnis für die Position der SPD Fraktion in Sachen „Galgenhohl “ zu werben.  Nur noch eines im Voraus: ich bin persönlich ein großer Bewunderer Deiner Künste, in Sachen Fotografie wie auch Layout und Webdesign – deshalb bedaure ich es sehr, dass sich unsere Wege leider auseinander entwickelt haben.  Aber dennoch so glaube ich, solltest Du mit der gleichen Akribie wie Du diese Dinge angehst, auch die einzelnen Argumente pro und contra zu einer Bebauung Galgenhohl abwägen.
    Und  was mir besonders wichtig ist, die Position der örtlichen SPD nicht in dieselbe Kiste werfen, wie die der CDU und FWG. Was mich besonders schmerzt, ist die Unterstellung, die SPD würde mit der Zustimmung zum Beschluss für die Randbebauung das Tor für eine gesamte Bebauung der Galgenhohl öffnen. Dies ist so nicht richtig. In unserer Stellungnahme, die ich selbst verfasst habe, ist ausdrücklich festgehalten, dass die Randbebauung der Endpunkt für eine Zustimmung der SPD Fraktion ist. Den gesamten Text kann ich Dir gerne zur Verfügung stellen. Außerdem möchte ich anmerken, dass die SPD die ursprünglich vom Bauausschuss erarbeitete Lösung, nämlich eine Randbebauung auch an der Darsberger Straße zuzulassen, durch einen Gegenantrag zu Fall gebracht hat. Dies nur in wenigen Teilen zur Gesamtproblematik „Galgenhohl“ und dem Verhalten der SPD Stadtverordneten.  Ich biete Dir an, falls Du Dein Interesse an der Kommunalpolitik nicht gänzlich verloren hast, dies in einem persönlichen Gespräch nochmals zu erörtern.

    Die Demokratie lebt vom politischen Streit. Der Respekt vor der Meinung des anderen darf dabei aber nicht verloren gehen.
    Mit einem freundlichen Gruß
    Ralf K.

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